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PD Dr. Martin K. Wild |
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Immunreaktionen sind entscheidend von der Fähigkeit der beteiligten Leukozyten abhängig, an die "Orte" von Infektion (entzündete Gewebe) und Fremdantigen-Präsentation (sekundäre lymphatische Gewebe) zu gelangen. Hierzu besitzen die Leukozyten Oberflächen-Rezeptoren, die es ihnen ermöglichen, insbesondere mit den Endothelzellen der Blutgefäße in Kontakt zu kommen. Erst dieser Kontakt ermöglicht eine örtlich und zeitlich gesteuerte Leukozyten-Auswanderung aus dem Blut.
Abb. 1 zeigt, dass die Auswanderung von Leukozyten in der Regel mit einem Rollen der Zellen auf aktiviertem Endothel (in entzündeten Geweben) bzw. auf hochendothelialen Venolen (in sekundären lymphatischen Organen) beginnt. Diese transienten Interaktionen werden von den Selektinen vermittelt, Ahäsionsmolekülen, die als Lektine Zucker-haltige Proteine oder Lipide erkennen.
Drei Selektine sind bekannt: das Endothel-spezifische E-Selektin,
das auf Plättchen und Endothelzellen exprimierte P-Selektin und
schließlich das L-Selektin, das auf Leukozyten zu finden ist.
Erst aufgrund dieses Selektin-vermittelten Rollens sind die
Leukozyten dann in der Lage, mit Hilfe von Rezeptoren Chemokine auf
der Oberfläche des Endothels zu perzipieren. Dies führt zur
Aktivierung von Integrinen, einer anderen Klasse von
Adhäsionsmolekülen auf Leukozyten, die eine feste Adhäsion der
Zellen an das Endothel zur Folge hat. Schließlich erfolgt die
Transmigration der Leukozyten durch das Endothel in das
darunterliegende Gewebe.
Abb. 1: Die Adhäsionskaskade: Kontakte zwischen Leukozyten und Endothelzellen. Leukozyten können mit aktivierten Endothelzellen in Kontakt treten, indem sie zuerst Selektin-abhängig auf den Endothelzellen rollen, dann Chemokin-vermittelt ihre Integrin-Moleküle aktivieren und nun über diese fest an das Endothel adhärieren und sich dabei abflachen. Die Leukozyten transmigrieren schließlich durch das Endothel und wandern in das entzündete Gewebe ein.
Wir beschäftigen uns insbesondere mit dem ersten Schritt der in Abb. 1 gezeigten "Adhäsionskaskade", der Selektin-abhängigen Leukozyten-Adhäsion. Die Selektine binden an Glykostrukturen, die die Zucker Fucose und Sialinsäure (Neuraminsäure) enthalten. Die Prototyp-Struktur, die von Selektinen erkannt wird, ist das in Abb. 2 dargestellte Tetrasaccharid Sialyl-Lewis X (sLex).
Abb. 2: Struktur des Sialyl-Lewis X-Blutgruppenantigens. Sialyl-Lewis X besteht aus vier Zuckerbausteinen: Neuraminsäure (NeuAc), Galactose (Gal), N-Acetyl-Glucosamin (GlcNAc) und Fucose (Fuc). Die glykosidischen Bindungen sind angegeben. R bezeichnet einen Oligo- oder Polysaccharidrest, der wiederum an ein Lipid oder Protein gebunden ist.
Ein Defekt in der Biosynthese sLex-artiger Glykostrukturen führt dazu, dass die Selektin-vermittelte Adhäsion nicht stattfinden kann. Die Auswanderung von Leukozyten ist in diesem Fall gestört. Die humane Leukozyten-Adhäsions-Defizienz II (LAD II) ist ein derartiger Glykosylierungsdefekt. In LAD II bleiben Fucosylierungsreaktionen praktisch gänzlich aus. Die Folge ist nicht nur eine Immundefizienz aufgrund der fehlenden Selektin-Adhäsion (Abb. 3), sondern auch Neutrophilie, geistige Retardierung, motorische Defekte und stark verzögertes Wachstum (Wild et al., 2002). Als erblicher Glykosylierungsdefekt wird diese Erkrankung auch als "Congenital Disorder of Glycosylation-IIc (CDG-IIc)" bezeichnet.
Abb. 3: Fehlende Leukozyten-Endothel-Interaktionen in LAD II. In Patienten mit einer Leukozyten-Adhäsions-Defizienz II beobachtet man eine systemische Hypofucosylierung. Davon sind auch Selektinliganden betroffen. Selektin-vermittelte Leukozyten-Endothel-Interaktionen sind dadurch inhibiert. Die Folge ist eine stark verminderte Extravasation von Leukozyten, was zu Immundefekten führt.
Vor einigen Jahren wurde am Universitätsklinikum Münster der damals weltweit dritte LAD II-Patient gefunden. Prof. Thorsten Marquardt und Dr. Kerstin Lühn konnten an diesem Patienten zum ersten Mal zeigen, dass die orale Gabe von L-Fucose die Neutrophilie und den Immundefekt dieser Erkrankung vollständig aufzuheben vermag.
Durch Komplementierungseperimente gelang es uns später, den
genetischen Defekt, der zu LAD II führt, zu identifizieren.
Wir fanden, dass Mutationen im Gen für den
GDP-Fucose-Transporter des Golgi-Apparates für den
Fucosylierungsdefekt verantwortlich sind (Lühn et al., 2001).
Zeitgleich kam die Arbeitsgruppe um Christian Körner und Kurt von
Figura in Göttingen zu identischen Ergebnissen.
Der GDP-Fucose-Transporter transportiert den im Zytoplasma
gebildeten aktivierten Zucker GDP-Fucose in den Golgi-Apparat. Dort
wird GDP-Fucose als Donor für Fucosylierungsreaktionen benötigt.
Alle bisher untersuchten LAD II-Patienten zeigen Mutationen im Gen
des GDP-Fucose-Transporters.
Der GDP-Fucose-Transporter ist in der Golgi-Membran lokalisiert und
besitzt zehn Transmembran-Domänen (Abb. 4).
Abb. 4: Der GDP-Fucose-Transporter. Aufbau und Lokalisation des humanen GDP-Fucose-Transporters.
Durch in vitro-Analysen an allen bekannten defekten GDP-Fucose-Transportern konnten wir inzwischen zeigen, dass die bisher identifizierten LAD II- Patienten in 2 Gruppen eingeteilt werden können (Helmus et al., 2006) (Abb. 5):
Abb. 5: Einteilung von LAD II-Patienten. Zwei Gruppen von LAD II-Patienten können aufgrund des molekularen Defekts des GDP-Fucose-Transporters unterschieden werden.
Die Leukozyten-Adhäsions-Defizienz II bleibt weiterhin im direkten Fokus unserer Forschung.
Als Antigen-präsentierende Zellen spielen dendritische Zellen (DC) eine zentrale Rolle bei der spezifischen Immunabwehr. Wie andere Leukozyten müssen auch DC in Gewebe einwandern, um wirken zu können. Wir konnten in einem Kontakt-Hypersensitivitäts-Modell in der Maus feststellen, dass die Einwanderung von unreifen DC in die Haut partiell von E- und P-Selektin abhängig ist. Eine Funktion für weitere Adhäsionsmoleküle bei der Initiation von DC-Endothel-Interaktionen ist daher zu postulieren. Zur Zeit untersuchen wir, ob das Fucose/Mannose-erkennende DC-ständige Lektin DC-SIGN und sein Ligand ICAM-2 DC-Endothel-Interaktionen in der Maus vermitteln (Wethmar et al., 2006).
* geteilte Erstautorschaft
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